
MÄRCHEN & MYTHEN
Märchen erzählen auch immer etwas über die unterschiedlichen Kulturen. Bei uns gibt es viele Aufzeichnungen, auch von den Autoren selbst, Geschichten die wiederum seit Generationen von Mutter zu Mutter weitererzählt werden. Doch nicht immer gibt es solche Dokumentationen, vor allem nicht in einer Kultur, die vom mündlichen Erzählen lebt, wie in Kamerun. Hier existieren Märchen und Geschichten in einer Vielzahl von Varianten, daher gibt es keine standardisierten Fassungen. Die verschiedenen Erzähler erschaffen eine Geschichte - bei Wahrung ihres Kerns - jedes mal neu. Schriftlich festgehalten wurde immer nur eine Variante, und welche das war, war Zufall. Die sprachliche Kompetenz dessen, der etwas niederschrieb, seine Kenntnisse, Erfahrungen und besonderen Interessen setzten zusätzliche Akzente. Schließlich sind mit der Übersetzung in eine andere Sprache ebenfalls unvermeidliche Verluste verbunden. So liegen von den im Norden und Osten lebenden Völkern nur verhältnismäßig wenige Aufzeichnungen vor. Dagegen wurden Märchen und Geschichten der Küstenvölker oder Erzählungen der in den angrenzenden Waldgebieten und in den Savannen des Kameruner Graslandes lebenden Bevölkerung vergleichsweise reichlich festgehalten. Hier einige Beispiele.
Es war einmal ein Mann, der gab seine Wohnstätte auf und wanderte weit fort, ungefähr drei Dörfer weiter. Dort traf er einen anderen Mann, der seinen Wohnsitz ebenfalls dorthin verlegt hatte. Da fragte er ihn: "Wer bist du?" Der andere antwortete: "Ich bin ein Totengeist, und du?" - "Ich bin ein Mensch." Nun beschlossen beide, gemeinsam ein Dorf zu gründen. Der Geist sprach: "Eine Sache aber möchte ich mir ausbedingen, Freund: Keiner soll einen Streit anfangen. Ich habe eine Frau, du hast eine Frau, überhaupt - jedem das Seine
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Es war einmal ein Mann, der hatte zwei Frauen. Beide gingen mit ihm aufs Feld, um Yams zu pflanzen. Als sie heimkamen, hatte die eine Frau kein Wasser zum Kochen, so ging sie und borgte sich welches von der anderen. Am nächsten Tag schickte diese Frau ihre Tochter zum Wasserholen, damit sie zurückgeben konnte, was sie geborgt hatte. Es war sehr heiß, und als die Tochter am Fluß anlangte, war der ganz und gar ausgetrocknet. Sie lief weiter und weiter, um nach Wasser zu suchen, konnte aber keins finden. Schließlich kam sie auf einem Marktplatz an. Sie setzte sich still hin und dachte...
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Leopold Sèdar Senghor




